Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki – Eine reizvolle Begegnung zwischen Geist und Unterhaltung

Eklat bei der Verleihung des „Deutschen Fernsehpreises"
Zuschauer: 6 Mio

Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki – Eine reizvolle Begegnung zwischen Geist und Unterhaltung

Marcel Reich-Ranicki, der Literaturpapst schlechthin, hat seinen „Deutschen Fernsehpreis„ in diesem Jahr nicht angenommen.
Der „Deutsche Fernsehpreis" , gestiftet von ARD, ZDF, RTL und SAT1, ist auch nach der öffentlichen Aussprache mit Thomas Gottschalk zunächst weiterhin bei diesem verblieben.

Schon während der Preisverleihung zeigte sich Reich-Ranicki empört über das, was er zu sehen bekommen hatte.
Er könne diesen Preis nicht annehmen, er gehöre nicht in die Reihe dieser Menschen, so seine Worte. Und davon nehme er auch nichts zurück, betonte er noch einmal in seiner Aussprache am gestrigen Abend. Für ihn war die Veranstaltung abscheulich. Wobei er jedoch zugeben musste, das es auch einige kurze gute Momente gegeben habe. Aber ansonsten aus seiner Sicht viele Clowns auf der Bühne und zu viele Menschen insgesamt.
Daraufhin sagte Thomas Gottschalk, bei einer Preisverleihung werde in kürzester Zeit alles zusammengepackt, in einen Mixer gegeben und geschüttelt.
Diese Aussage will Reich-Ranicki nicht gelten lassen. So etwas gehe einfach nicht. Er war dann auch der Einzige, der an diesem Abend vorzeitig nach Hause gegangen ist.

Durch das Fernsehen wird die Menschheit zwar immer schlauer, aber nicht gebildeter. Ein wirklich sehr zutreffender Satz von Thomas Gottschalk.
Reich-Ranicki konterte, die Intendanten haben keine Ahnung vom Fernsehen. Das wollte Gottschalk so nicht stehen lassen und meinte, die Intendanten würden gerne anderes Fernsehen machen. Dazu gäbe es halt den Kompromiss, das mittlerweile sehr viele Sender zur Verfügung stünden und somit für jeden etwas dabei sei.
Doch auch hier wieder die Gegenstimme von Reich-Ranicki. Die Nummern des Preisverleihungsabends waren nicht nur schwach oder schlecht, sie waren verblödet. Er habe einen großen Teil Abneigung gegen das Fernsehen und lese viel.

Thomas Gottschalk kam auf die Arroganz der Intellektuellen zu sprechen. Die die Versuche einer Bildung nicht sehen wollen, so seine Worte dazu. Problem sei für das Fernsehen, das heute nur der Erfolg gelte. Da gibt es die Zielgruppe der 13 – 49 jährigen. Sie kommen Abends platt gebügelt aus dem Büro und suchen Unterhaltung. Und damit hätten Sendungen, in denen Bauern eine Frau suchen, einfach mehr Erfolg als eine Biographie über Kissinger.
Auch diese Aussage konnte so nicht stehen bleiben. Reich-Ranicki sieht es so, das Theater und Literatur durchaus die Aufgabe der Unterhaltung haben. Dies habe schon Friedrich Schiller in seinem Vorwort  zur „Braut von Messina"  erkannt.  Für ihn sei der größte Dichter Shakespeare und der größte Poet des 20. Jahrhunderts Bertold Brecht. Seine "Dreigroschenoper" ist der größte Erfolg des Theaters. Und Helge Schneider habe aus seiner Sicht eben keine Ahnung.
Dann aber die Aussage von Thomas Gottschalk, das auch er ja schließlich durch das Fernsehen bekannt geworden sei. Denn er habe Bücher unterhaltsam präsentiert. Antwort von Reich-Ranicki, er brauche aber keine Preise zu Hause, sie bedeuten ihm nichts.
Thomas Gottschalk kam dann noch einmal auf die Intendanten des Fernsehens zu sprechen. Die Angst davor haben, das andere eine höhere Quote bekommen und sie dann die Verlierer sind. Auch er dekoriere sich in seiner Sendung mit Menschen, die ihn unterhaltsam machen. Denn er selbst sei nicht abendfüllend. Und außerdem glaube er an das Publikum genau wie Reich-Ranicki. Darüber hinaus werde Fernsehen gerne kritisiert und Bücher fast nie.
Doch Reich-Ranicki betonte auch dazu wieder, im Fernsehen gebe man sich keine Mühe. Auf der Buchmesse in Frankfurt gebe es nur wenig Literatur, es seinen andere Bücher. Doch jedes Buch, das etwas taugt, finde in Deutschland auch einen Verleger.
Gottschalk stellt die Forderung auf, das komplexe Dinge schlicht dargestellt werden müssten. Das Feuilleton spreche eine Sprache, die viele ausschließt. Darauf Reich-Ranicki, es gebe Redakteure, die sich um Verständnis bemühen. Nach dem Denken von Theodor Fontane, es kommt darauf an, das man verstanden wird. Das Fernsehen solle ein bisschen Mut haben.
Doch auch die virtuelle Welt kam in diesem Gespräch nicht zu kurz. Gottschalk meinte dazu, wer heute über das Fernsehen weine, der könne sich erschießen, wenn er in das Internet schaue. Wie wahr, wie wahr. Und kam dann wieder auf den Punkt der Quote zurück. Mit einem bildenden Inhalt Quote zu machen, er befürchte, dies wird nicht passieren.
Reich-Ranicki glaubt, dies sei auch heute möglich. Dazu das Fazit von Gottschalk, das Fernsehen kann sich keine Programme leisten, die in Schönheit sterben.
Da es dem Erfolg verpflichtet ist, muss auf die Quote geschaut werden.

Mein persönliches Fazit:

Verehrter Herr Reich-Ranicki, Verehrter Herr Gottschalk,

Sie beide haben mir gestern Abend eine unterhaltsame halbe Stunde Fernsehen präsentiert. Leider war die Zeit für so ein komplexes Thema zu kurz. Aber klar, wir achten auf die Quote.
Als Betroffene der genannten Generation 13 - 49 jährig kann ich für mich nur sagen, auch ich lese sehr oft sehr viel lieber, als Fernsehen zu schauen. Aber ich kann auch sagen, manchmal braucht man eben die sogenannte  „seichte“ Unterhaltung. Mich faszinieren die Stücke von Schiller, Goethe, Thomas Mann, Heinrich Heine, um nur einige zu nennen. Die Sprache ist natürlich unübertrefflich und wird heute nicht mehr erreicht. Aber ich lese sehr häufig dazu parallel einen Roman, der „ einfach „ geschrieben ist. Denn platt gebügelt, um es mit den Worten von Thomas Gottschalk zu sagen, bin ich so manchen Tag oder Abend. Und dann passt das bildende Niveau nicht mehr in meinen Kopf.

Und um die Sache noch ein weniger runder zu machen, heute Abend sendet die ARD den von Sascha Hehn im Vorfeld heftig kritisierten Film  "Das Musikhotel am Wolfgangsee".
Den ich mir selbstverständlich anschauen werde. Zum einen wegen Sascha Hehn, zum anderen, um mir selbst ein Urteil bilden zu können. Darf man der Kritik von Sascha Hehn glauben, hier eine Produktion mit wenig Anspruch an die Zuschauer. Wirklich schade, denn hier sollte an die guten alten Musikfilme angeknüpft werden. Aber offensichtlich scheint dies nicht gelungen zu sein.
In „Schönheit sterben", das muss das Fernsehen aus meiner Sicht nicht. Aber nur noch die Einschaltquote als das Maß aller Dinge, das ist mir wirklich zu einfach und zu wenig.

Und meine Hochachtung gilt alle denen unter uns, die den Mut haben, dies in der Öffentlichkeit entsprechend zu äußern und zu vertreten.
Weiter so, und vielleicht besteht doch noch die winzige Chance auf Veränderung.

 

(Autor: Petra Brodde, geschrieben am 18.09.2008)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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